09/10/2026 0 Kommentare
Kirche als Werkstatt und mit Schrammen: Das neue Konzept der Elisabethkirche
Kirche als Werkstatt und mit Schrammen: Das neue Konzept der Elisabethkirche
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Kirche als Werkstatt und mit Schrammen: Das neue Konzept der Elisabethkirche
Ein Gespräch zum Baustart des neuen Daches der eingestürzten Elisabethkirche Kassel.
Martin: Die Elisabethkirche in Kassel. Nach einem kompletten Dachinsturz wird sie nicht einfach wieder aufgebaut, sondern bewusst anders.
Elisabeth: Ja, also im November 2023 ist das Dach der Elisabethkirche komplett eingestürzt. Das war ein riesiger Schock für die Gemeinde. Monatelang musste erstmal gesichert werden. Aber das Spannende ist, die Verantwortlichen haben sich danach nicht einfach hingesetzt und gesagt, wir bauen alles so wieder auf, wie es vorher war. Stattdessen haben sie eine ganz andere Frage gestellt. Was bedeutet es eigentlich, wenn eine Kirche einstürzt und was können wir daraus lernen?
Martin: Das klingt ja fast wie eine philosophische Frage. Was meinst du mit anders wieder aufbauen?
Elisabeth: Also, der Diözesanbaumeister Martin Matl hat einen ziemlich mutigen Ansatz gewählt. Er sagt: "Kirche ist von ihrem Wesen her immer etwas Vorläufiges, also kein fertiges, perfektes Gebäude, sondern ein Ort, der sich entwickelt. Deshalb wird die Elisabethkirche jetzt mit sichtbaren Schrammen, Rissen und industriellen Bauelementen wieder aufgebaut. Es soll wie eine Werkstatt wirken, nicht wie ein glattes Museum."
Martin: Das ist ja ein starkes Bild. Kannst du das mit einem Beispiel erklären?
Elisabeth: Ich stelle mir das so vor wie ein altes Familienhaus, das einstürzt und dann lässt du beim Wiederaufbau bewusst die Brandspuren an der Decke sichtbar, weil sie an die Geschichte erinnern. Es geht nicht darum, die Spuren zu verstecken, sondern sie als Teil der Geschichte zu zeigen. Die Kirche soll ein ehrlicher Ort sein, ein Ort, der nicht so tut, als wäre alles perfekt, sondern der auch verletzt ist. Und genau das kann für Menschen, die selbst verletzt sind, ein Hoffnungsbild sein. Ein Gemeindemitglied hat mir gesagt, die Schrammen an der Wand sind wie die Wunden in meinem Leben und trotzdem geht es weiter.
Martin: Aber wie sieht das konkret aus? Was passiert gerade auf der Baustelle?
Elisabeth: Im Moment werden 16 vorgefertigte Holzbinder auf dem Kirchenvorplatz montiert. Das sind riesige Dachbinder aus Brettschicht Holz. Jeder wiegt etwa eine Tonne. Sie werden im Abstand von 2,60 m aufgestellt. Die Firststhöhe beträgt bis zu 1,21 und die Dachneigung liegt bei 10°. Das klingt technisch, aber das Besondere ist, diese Binder sind aus industriellen Elementen gefertigt und bleiben sichtbar.
Martin: Man soll sehen, dass das ein konstruierter vorläufiger Raum ist und ich habe gehört, dass die Dachkonstruktion sogar beweglich ist. Wie funktioniert das?
Elisabeth: Ja, das ist ein cleveres Detail. Die neuen Stahlauflager erlauben begrenzte horizontale Bewegungen. Das funktioniert wie die Gelenke einer Brücke. Wenn der Wind stark auf die hohen Kirchenschiffswände drückt, geben die Auflager ein bisschen nach, statt dass die Wände brechen. Das ist moderne Ingenieurskunst, die aber gleichzeitig eine symbolische Ebene hat.
Martin: Die Kirche muss nicht starr und unverrückbar sein, sondern darf sich bewegen. Das ist ja ein starkes Bild. Kirche, die sich bewegt. Aber ich muss auch mal die kritische Frage stellen. Ist das nicht riskant? Oder wird das von Besuchern vielleicht als nachlässig empfunden? Eine Kirche, die bewusst unfertig bleibt?
Elisabeth: Das ist eine berechtigte Frage und ja, es gibt sicher Leute, die das erstmal seltsam finden, aber die Verantwortlichen betonen, das ist keine Nachlässigkeit, sondern ein Statement. Es geht darum, Kirche als lebendigen, sich ständig entwickelnden Ort zu zeigen. Und die Kosten zeigen ja, dass hier nicht gespart wird. Zusammen mit den Sicherungsmaßnahmen hat das Projekt die Millionengrenze überschritten. Das ist kein Zeichen von Nachlässigkeit, sondern von bewusster Gestaltung.
Martin: Millionengrenze, das ist eine Menge Geld. Lohnt sich dieser symbolträchtige Ansatz finanziell überhaupt?
Elisabeth: Na ja, man muss es so sehen. Die Kirche musste sowieso saniert werden. Die Frage war nur wie. Und die Entscheidung für eine offene unfertige Architektur ist nicht teurer als eine glatte Rekonstruktion. Sie ist nur anders. Aber sie schafft einen Mehrwert. Sie lädt ein, über den Zustand der Kirche nachzudenken und sie bietet Raum für neue Gottesdienstformen und Kultur. Das ist eine Investition in die Zukunft, nicht nur in die Bausubstanz.
Martin: Du hast gerade Gottesdienstformen erwähnt. Wie verändert sich denn die Atmosphäre eines Gottesdienstes, wenn der Raum wie eine Baustelle wirkt?
Elisabeth: Das ist eine spannende Frage. Stell dir vor, du sitzt in einem Raum, in dem noch die Spuren der Zerstörung zu sehen sind und trotzdem feiern Menschen gemeinsam Gottesdienst. Das kann eine ganz andere Tiefe haben. Es ist nicht die perfekte Kulisse, sondern ein ehrlicher Raum. Man könnte sagen, wie in einer Bibliothek, die nach einem Wasserschaden nicht sofort alle Bücher neu einregalisiert, sondern erstmal offen Regale lässt, in denen Besucher selbst entscheiden können, was wohinkommt. So ähnlich ist das hier. Die Gemeinde muss sich neu entscheiden, was Kirche eigentlich sein soll.
Martin: Das ist ein schönes Bild. Und wann kann die Gemeinde die Kirche wieder nutzen?
Elisabeth: Die neue Dachkonstruktion soll zum Jahresende 2026 fertig sein. Ab 2027 sollen dann wieder Gottesdienste und Kulturveranstaltungen stattfinden und es gibt schon ein erstes Kunstprojekt. Zur documenta 2027 wird Jan Werner eine Klanginstallation mit Material der zerstörten Orgel machen. Das ist ein starkes Zeichen. Aus den Trümmern entsteht etwas Neues, Kreatives, eine Klanginstallation aus Orgelteilen.
Martin: Das klingt faszinierend, aber was ist mit der langfristigen Entwicklung? Bleibt es bei der einen Kirche?
Elisabeth: Nein, die Vision geht weiter. Eine Arbeitsgruppe aus Pfarrei und Bistum erstellt gerade mehrere Konzepte. Es geht darum, auf den freien Flächen rund um die Kirche Neubauten zu errichten, z.B. Wohnungen. Die Kirche selbst soll ein offener Ort für die Stadt werden, nicht nur ein Ort für Sonntagsgottesdienste. Das ist ein Modell, das auch anderen Gemeinden helfen könnte, die mit maroden Gebäuden kämpfen. Könnte das also ein Vorbild sein? Ich meine, viele Kirchengemeinden haben ja mit alten teuren Gebäuden zu kämpfen.
Martin: Ist das hier ein Weg?
Elisabeth: Ich denke schon. Natürlich ist jede Gemeinde anders, aber die Grundidee ist übertragbar. Statt in eine perfekte Illusion zu investieren, kann man die vorhandenen Spuren und Brüche als Chance nutzen. Die Elisabethkirche zeigt, dass eine Krise nicht nur Schaden bedeutet, sondern auch Raum für neue mutige Konzepte schaffen kann. Und sie stellt eine Frage, die über das Bauen hinausgeht: Wann ist Perfektion eigentlich hinderlich für echte Begegnung?
Martin: Es gibt eine Webseite www.zukunft-elisabethkirche.de und auch auf YouTube gibt es Videos zum Projekt.
Elisabeth: Ich kann nur empfehlen, sich die Bilder anzuschauen. Sie sagen mehr als 1000 Worte…
Redaktion mit Unterstützung von KI: Marcus Leitschuh
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