Kassels ältester „Kolpingbruder“ verstorben:

11.06.2019

Josef „Seppl“ Schmitt (97) war über 80 Jahre Mitglied im Gesellenverein.


KASSEL. Einen Tag nach seinem 97. Geburtstag ist Kassels ältester „Kolpingbruder“ verstorben. Im Juli 2018 hatte der gebürtige Kasseler Josef, genannt „Seppl“, Schmitt ein besonderes Jubiläum gefeiert. Seit 80 Jahren war er Mitglied des katholischen Sozial- und Familienvereines „Kolpingsfamilie Kassel-Zentral“. Das Kolpingwerk ist in 61 Ländern der Erde vertreten und hat rund 450.000 Mitglieder. Die Mitglieder sind in 5.800 Kolpingsfamilien weltweit organisiert.

 

16 Jahre war er, als er „bei Kolping“ eintrat. „Das war irgendwie „ganz normal“, denn der Verein war durch Pfarrer Ludwig Wiegand eng verbunden in meiner Kirchengemeinde St. Elisabeth“ erinnerte sich der vor einem Jahr noch rüstige Josef Schmitt. „Wenn Kolping was machte, ging ich hin.“ Fasziniert hatte ihn freilich schnell das Leben des Gründers Adolph Kolping und sein Zugehen auf Menschen. Und es waren Zitate Kolpings wie „Schön reden tut’s nicht, die Tat ziert den Mann“, die Leitlinie seiner Vereinsmitgliedschaft wurden.

Die Verbindung zwischen den Mitgliedern und dem Präses Pfarrer Ludwig Wiegand war auch nach dem Verbot der Kolpingsfamilie ab 1940 nicht abgebrochen. „Wir waren ja alle in der Elisabethkirche und das Kolpinghaus hatte unser Pfarrer zur Rettung des Gebäudes kurzerhand in das Eigentum der Gemeinde übernommen“, erinnert sich Josef Schmitt. Am 12.6.45 trafen sich die Kolpingbrüder erstmals wieder. Ein besonderer Tag, auch im Leben von Josef Schmitt. Elisabethkirche und Kolpinghaus waren zerstört und so traf man sich ab 1948 in einem ehemaligen Pferdestall, der Notkirche von St. Bonifatius. Viele der jungen Kolpingbrüder lernten hier ihre Frauen kennen. Auch Josef Schmitt heirate im „Pferdestall“ seine schon vor ihm verstorbene Frau Annemarie.

Seppl Schmitt: „Nachdem auch die Elisabethkirche neu gebaut war, fanden viele Kolpingbrüder mit ihren Familien in St. Bonifatius und St. Elisabeth eine neue Heimat.“

 

Wiederaufbau nach dem Krieg

Nach dem Krieg war Seppl Schmitt 1948 mit dabei, als sich ein Bauverein zum Wiederaufbau des zerbombten Kolpinghauses gründete. Nachdem im Februar 1949 von der Stadt die Genehmigung zur Enttrümmerung der Grundstücke des Kolpinghauses erteilt wurde, begann ein dreijähriger Kampf gegen die riesigen Schuttmassen. Mit Spitzhacke, Schippe und Schubkarre rückten die Kolpingbrüder der zerstörten Altstadt zu Leibe. Mit dabei: natürlich Seppl Schmitt, der zunächst eine Maurerlehre machte. Im Herbst 1952 waren in 10.500 Stunden 820 LKW-Ladungen Schutt beseitigt und 14.000 Ziegelsteine geborgen worden. „Alle haben mit angepackt, auch die Frauen. Das hat uns nach dem Krieg zusammengeschweißt und wir waren stolz, was wir mit unseren Händen geschafft haben“, erinnerte sich Josef Schmitt in einem Interview 2018. Ihm war der Stolz anzusehen, in Bau-, jetzt Hausverein und Kolpingsfamilie wortwörtlich aus den Trümmern wieder etwas zu errichten.

 

Engagiert im Karneval

Michael Reis ist heute Vorsitzender der Kolpingsfamilie Kassel-Zentral und erinnert sich lebhaft an den stets fröhlichen und engagierten Kolpingbruder. „Seppl brachte sich im Kirchenvorstand von St. Bonifatius, der Kolpingsfamilie und auch bei deren Karnevalsitzungen ein.“ Als die katholischen Karnevalisten den eigenen Karnevalverein „Narrhalla Chassalla“ aus der Taufe hoben, war Seppl aktiv mit dabei. Unvergessen ist seine Büttenredenrolle als „Laternenanzünder“, mit denen er bei den legendären karnevalistischen „Winterfesten“ in der Stadthalle auftrat. Und auch im Altenheim hatte der mittlerweile über 80jährige noch Gereimtes zum Vortrag gebracht. 2010 griff er auch noch einmal zur Feder und verfasste für die Festschrift „125 Jahre Kolpingsfamilie Kassel-Zentral“ die gereimten „Gedanken eines alten Kolpingbruders“. Darin schrieb er: „Heute kann ich sagen, für mein Leben hat mir Kolping viel gegeben. Gerade in heutiger Zeit, so wie ich das seh‘, ist das Kolpingwerk nötiger denn je.“

 

„Begeisterung“, so Michael Reis, „das ist genau das, was Seppl ausgestrahlt hat und was ihn in unserem Verein so beliebt gemacht hat. Diese ausstrahlende Begeisterung, seine Tatkraft für Kirche, Karneval und Gesellschaft , seine Liebenswürdigkeit und sein Gottvertrauen werden wir immer in Erinnerung behalten.“



Text und Foto: Marcus Leitschuh