„Kreuzige Jesus“ schallt eindrucksvoll durch die Kirche

15.04.2019

Am Abend vor dem Palmsonntag gastierte Schauspieler Gunter Heun mit dem Stück „Judas“ von Lot Vekemans in der Inszenierung von Christian Doll in der Kasseler Elisabethkirche. Wenige Minuten vorher war im Gottesdienst die Passion Jesu mit dem Verrat des Judas Iskariot verlesen worden. Jetzt kam er im Theaterstück selber zu Wort.

TeTIn Alltagskleidung betrat Judas das Kirchenschiff, die Kasse mit den Eintrittsgeldern unter dem Arm. Jemand habe gelogen und nicht bezahlt. So begann das einstündige Theaterstück, das einen schon nach kurzer Zeit in seinen Bann zog. Als „Prinzip der Zimtschnecke“ bezeichnete Gunter Heun den klug aufgebauten Text der Niederländerin Lot Vekemans. Wie in einer Kreisbewegung nähert sich der Text dem Kern und damit dramaturgisch verdichtet den wesentlichen Fragen der Geschichte rund um die Passion Jesu und den Verrat des Judas. Gibt es am Anfang noch flotte Witze, stockt mehr und mehr der Atem der Betrachter. Ein Theaterereignis, das unter die Haut geht. Die zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauer in der Elisabethkirche erleben einen Judas, der von seiner Hoffnung erzählt, die er in Jesus als Befreier setze. Sie erleben die Fassungslosigkeit, als diese Träume platzen, die Verzweiflung als dieser geliebte Jesus in den sicheren Tod zusteuert. „Ich wollte ihn wach rütteln“, bekennt Judas. 

 

Gunter Heun zeigt pure Schauspielkunst. Es beeindruckt, wie er nicht nur den Altarraum, sondern auch das ganze Kirchenschiff bespielt. Geschickt nutzt er die vorhandene Mikrofonanlage immer wieder als Möglichkeit der akustischen Überzeichnung, ansonsten halt sein Monolog unverstärkt und authentisch durch die Kirche. Heun lacht, schreit, weint, schwitzt, verharrt. Reißt die Hände auseinander, kauert vor dem Altar und sucht das verdeckte Kreuz.

 

Nein, dieser Judas will sich nicht entschuldigen und rechtfertigen. Aber er will berichten und erklären. Davon, dass er am liebsten seinen Namen mit einem der Kirchenbesucher tauschen würde. Doch wer wolle das schon. Am Ende ist er versöhnter. „Ich bin Judas Iskariot“ ruft er in die Kirche. Sagt „ich danke ihnen“ und geht. Zuvor schrie es aus Judas heraus, dass er nicht den Tod von Jesus gewollt habe. Er habe ihn zwar verraten, aber das sei eher als Weckruf für Jesus gedacht, die Gefahr in Jerusalem zu erkennen und schleunigst dahin zurück zu kehren, wo man in liebte, verehrte und wo er gebraucht würde. Er Judas habe es sich nicht vorstellen können, dass dem Verrat der Mord folgte. Er fragt die Zuschauerinnen und Zuschauer direkt, ob sie sich hätten vorstellen können, dass die Menge „kreuzige ihn“ schrie, obwohl sie Jesus noch eine Woche Vorher mit „Hosiannarufen“ Willkommen geheißen hätten. Und um das zu untermauern, ging Gunter Heun geht die Kirche und schreit dutzendfach „Kreuzige Jesus“. Einer der dichtesten Momente des Abends. Die Fragen nach Schuld, Reue, Sühne und Vergebung prägen den Abend. Dieser Judas erwartete keine Rehabilitation, aber ein Hinhören auf seine Sicht der Dinge. Immer wieder spricht der Schauspieler in der Judasrolle die Menschen vor ihm direkt an. Fragt, ob sie gewollt hätten, dass er Jesus nicht verrät, wissend, dass dann die gesamte Geschichte des Christentums anders verlaufen wäre. Er fragt, wie sie denn gestanden hätten und ob sie auch geflohen wären, wie die Jünger. Kurz vor dem Ende steht Judas lange, aufwühlend lange, still im Raum. Wartend, so als ob er eine erlösende Antwort erhofft. „Hat er mir vergeben? Oder war seine Barmherzigkeit bei mir erschöpft?“ Besser kann Theater im authentischen Ort einer Kirche nicht sein und in die Karwoche führen. Am Ende gab es verdient langen Applaus für Gunter Heun.


Text: Marcus Leitschuh / Fotos: Kerstin Leitschuh


Info: 

Gunter Heun wurde 1971 im hessischen Kelkheim geboren und wuchs in Bayern auf. Sein Studium absolvierte er an der Neuen Münchner Schauspielschule. Engagements führten ihn Engagements nach Göttingen, Regensburg, Stuttgart, Oberhausen, Wiesbaden und Ingolstadt. Er spielte bei den Burgfestspielen Interlaken den Domfestspielen Bad Gandersheim und aktuell bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall.