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Ausstellung „com//PASSION“ während der documenta12

Anläßlich des Elisabethjahres 2007 wurden die beiden Künstler Katarina Veldhues und Gottfried Schumacher eingeladen, für die Kirche St. Elisabeth, Friedrichsplatz 13 in Kassel, eine Gesamtinstallation zu realisieren. Hierzu haben die beiden Künstler ein Konzept mit Licht, insbesondere dem Sonnenlicht, der Projektion, Fotografie und Klang mit dem Titel „com//PASSION“ entwickelt. Das Projekt fand  zeitlich und räumlich parallel zur documenta 12 in der Zeit vom 2. Juni bis 30. September 2007 statt. Diese beiden Künstler arbeiten seit 1994 mit dem Licht im öffentlichen Raum. Was sie reflektieren, sind die historisch, sozial und politisch markanten Orte im öffentlichen Raum: Gebäude und Landschaften, aber auch den sakralen Raum der Kirchen wie St. Elisabeth. Thema der künstlerischen Auseinandersetzung sind vor allem die Übergänge, die Orientierung an Grenzen und deren Überschreitungen, die gravierenden und ebenso die stillen Abläufe von Transformation und Verwandlung für Mensch und Raum, ihre Fragilität und Vergänglichkeit, ihre Widersprüche und Schwellengänge – Zäsuren von besonderer Offenheit.

In Anlehnung an das radikale und kompromißlose Leben der hl. Elisabeth ist das Thema der Gesamtinstallation die Auseinandersetzung und Wahrnehmung von Leben und Tod, die Passion/Leidenschaft für das Leben in der Nähe und an der Grenze des Todes sowie die aktive Mit-Leidenschaft/Hinwendung zum Anderen. Die einzelnen künstlerischen Arbeiten bilden zusammen mit dem Raum der Kirche ein Corpus, das mit den Leitmotiven „Kreuz“, „Licht“, und „Vanitas“ seine Ausrichtung bestimmt. Die Gesamtinstallation umfaßt vier Räume innerhalb der Kirche: das Hauptschiff, die Taufkapelle, die Krypta und die Elisabeth-Kapelle. Alle Räume greifen diese elementaren Aspekte auf und führen sie weiter: die physische Bindung an das Leben, das Licht als Sinnbild der Überwindung und der Transformation.

Der Krebspatientin sind die Haare ausgefallen. Sie sitzt mit dem Rücken zum Betrachter auf einem Krankenhausbett. Im Vordergrund hängt das Notfallsprechgerät von der Decke. Überdeutlich, während der Rest des Fotos ins Unscharfe verschwindet, als sei es das einzige Kontaktmedium zur Außenwelt.
Diese eindringliche Szene hängt als fünf Quadratmeter großes Licht durchflutetes, Farbdia in den Fenstern der Kasseler Elisabethkirche. 20 dieser überdimensionalen Großdias sind Teil der Ausstellung „com//PASSION“.

Der Krebspatientin sind die Haare ausgefallen. Sie sitzt mit dem Rücken zum Betrachter auf einem Krankenhausbett. Im Vordergrund hängt das Notfallsprechgerät von der Decke. Überdeutlich, während der Rest des Fotos ins Unscharfe verschwindet, als sei es das einzige Kontaktmedium zur Außenwelt.
Diese eindringliche Szene hängt als fünf Quadratmeter großes Licht durchflutetes, Farbdia in den Fenstern der Kasseler Elisabethkirche. 20 dieser überdimensionalen Großdias sind Teil der Ausstellung „com//PASSION“.
  Katarina Veldhues und Gottfried Schumacher, profilierte Licht- und Installationskünstler, u.a. bekannt durch ihre Projektionen auf die Westfassade des Kölner Doms, verschaffen zur Zeit der documenta 12 bis zum 30. September 2007 eine ungewöhnliche Begegnung im 800. Geburtsjahr der Heiligen Elisabeth. Das Bistum Fulda und das Dekanat Kassel haben diese Begleitausstellung zur Weltkunstschau documenta unmittelbar an deren Hauptausstellungsflächen am Friedrichsplatz organisiert. Wie bei der letzten documenta vor fünf Jahren, erwartet man bis zu 30.000 Besucher in der katholischen Kirche.

Säcke für die „letzten Dinge“

„Veldhues und Schumacher schufen für die verschiedenen Räume der Kirche ein künstlerisches Konzept mit dem Licht, insbesondere dem Sonnenlicht, der Projektion und Fotografie entwickelt“, so der verantwortliche Projektleiter Dr. Burghard Preusler (Bistum Fulda). Die zentrale Arbeit der Gesamtinstallation befindet sich in den Glasfenstern des Kircheninnenraumes. Das Zentrum bildet die Choreografie der Aufnahmen von Patienten und verschiedenen Räumen des Kasseler Elisabethkrankenhauses. Die Künstler holen sozusagen die Patienten und das Krankenhaus in die Kirche. Ganz wie zur Zeit der Heiligen Elisabeth, als in den Hospizen an den Hallenwänden die Kranken lagen, an der Stirnseite der  Altar und Kreuz. Die Nähe zu Gott versprach Heilung und Trost im Sterben.


Die Zeit fließt im Krankenhaus „tropfenweise“

Eindrucksvolle Portraits zeigen heute Patienten, die mittlerweile ihren Krankheiten erlegen sind oder, wie im Fall der Krebspatientin, wieder genesen sind und mit mittlerweile nachgewachsenem Haar zur Ausstellungseröffnung kamen. Zu sehen sind auch Wasch- und Müllsäcke der „letzten Dinge“ oder Intensivmedizin. Wie ein Bullauge geht der Blick durch ein fotografiertes Fenster in Richtung der Fuldaaue. Ein Blick, der ganz real für viele im Krankenhaus ein beliebter Aussichtspunkt ist und hier in der Kirche ebenfalls in die aufgenommene Richtung weist. Pfleger und Ärzte sind nicht zu sehen. Wohl aber die Ordensschwester Lioba. Mit geschlossenen Augen, versunken ins Gebet. Fotos die durch das natürliche Sonnenlicht hell und freundlich Wirken, auch wenn sie an Leid und Vergänglichkeit erinnern und gleichzeitig an die segensreiche Arbeit der Kirchen im Krankenhauswesen. In den freigelassenen Fenstern ist ein Text von Aurelius Augustinus „Über die Zeit“ zu lesen. Auf die Idee brachten die beiden Künstler die Patienten, die klagten, die Zeit würde im Krankenhausen „tropfenweise fließen“. Die Fenster stellen die Verbindung zwischen Kircheninnenraum und begrünten Außenhöfen dar, die an Seitenschiffe erinnern.

Hebräisches „Fürchte Dich nicht“ als Leuchtbox

Das Konzept für die Altarwand sind die hebräischen Buchstaben für die Worte: „Fürchte dich nicht“ als Installation in Form eines Leuchtkastens in leuchtend roten Lettern. Auch im Krankenhaus sind diese Leuchtkästen präsent, z.B. als Hinweis für OP oder Labor. Das Kreuz wurde mit einer quadratischen weißen Fläche verhüllt. Nur zwei dünne, wiederum in Kreuzform eingearbeiteten Schlitze, lassen das Mosaikkreuz dahinter durchschimmern. Dahinter steckt die Idee, dass Trost vom Kreuz nicht in einer großen, triumphalen Geste Jesu zu erwarten ist, sondern immer nur teilweise erfasst und erlebt wird. Kleine Hoffnungszeichen und Lichtscheine in der Dunkelheit. Stimmungsvoll wird diese Idee auch in der komplett abgedunkelten und von Sitzbänken befreiten Elisabethkapelle deutlich. Die schwarzen Endstücke eines Diafilms wurden mit Rasierklingen eingeritzt. Im Projektor werden daraus feine Lichtspalte, die wechselnd den Raum an einigen Stellen erhellen. Spuren mehr, Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit. Mal betonen sie die Architektur, dann wieder das Kreuz oder das Elisabethmosaik an der Altarwand. Nie aufdringlich, in seiner halbstündigen Komposition anregend im Ausstellungstrubel der documenta.

Krypta und Taufkapelle als Anfang und Ende im Leben

Eine weitere Arbeit befindet sich in der Krypta. Über ihr steht der Sarg des Kirchengründers, Landgraf Friedrich II, ein Ur-, Ur-, Urenkel der Heiligen Elisabeth. Der Komponist und Organist Ansgar Wallenhorst schuf sphärische Orgelklänge, die an die Unendlichkeit des Raumes erinnern. Die Komposition ist in Anlehnung an das so genannte Restrauschen, dem astronomischen Grundrauschen, entwickelt worden. Direkt gegenüber der Krypta, in der Taufkapelle hängt ein Leuchtkasten. Auf ihm eine großformatige Schwarzweißnegativfotografie. Eine Frau mit geöffnetem Mund, genauer sagte, beim Singen. Die Opernsängerin Daniela Bosenius (Düsseldorf) stand Modell. Durch die Negativfotografie werden die sonst dunkeln Stellen hell. Der Rachen- und Nasenraum strahlt, wird zum „Ort des Lichts“ als Symbol für Leben. Dazu Doris Krampf, Kuratorin der Ausstellung: „In der Biophotonenforschung ist das Licht in den Körperzellen aller Lebewesen messbar und sichtbar. Zellen und Zellverbindungen nehmen über das Licht Kontakt zueinander auf, - publizistisch gesprochen sind Lebewesen ‚Lichtesser’.“

In Anlehnung an das radikale und kompromisslose Leben der heiligen Elisabeth ist das Thema der Gesamtinstallation die Auseinandersetzung mit „compassion“, übersetzt als „Mitleid“, aber auch „Leidenschaft“. Passion und Leidenschaft für das Leben, auch in der Nähe und an der Grenze des Todes sowie die aktive Mit-Leidenschaft und Hinwendung zum Anderen. Dies erfahrbar zu machen, ohne die Heilige Elisabeth selbst darzustellen und ohne moralisch belehrend zu sein, ist der Gewinn der Ausstellung. Sie erzeugt Betroffenheit und Lust am Leben zugleich. Sie verharmlost nicht, sie zeigt das „bloße Leben“, wie es documenta-Leiter Roger M. Buergel als eine Leitfrage der Weltkunstausstellung formuliert hat. (Foto: Leitschuh / privat)